Ideenbörse und Erfahrungsberichte

Peter S. ist mit 59 in den Vorruhestand gegangen. Finanziell konnte er sich den Ausstieg aus dem Berufsleben leisten. Seine Kinder waren schon lange aus dem Haus. Seine Frau ging jedoch noch arbeiten. Nach einem halben Jahr Urlaub total schlich sich eine Lethargie in sein sonst so unbekümmertes Gemüt. Einmal in der Woche Rasen mähen, einmal Großeinkauf, das kann es nicht gewesen sein. Er war kein Leser und kein Schreiber, kein Denker und kein Feingeist. Diese „Was-macht-das-mit mir?-Betroffenheit“ war ihm so was von fremd, dass er einfach nur eine sinnhafte Beschäftigung suchte. Praktisch zupacken, Hilfe leisten, Menschen glücklich machen, das war sein Ding. Aber wie?

Eines Tages hörte Peter S. von der kirchlichen Aktion GratisHilfe. Unentgeltlich helfen: Senioren zur Hand gehen, den Garten mal wieder herrichten, Rollstuhlfahrern Geleitschutz geben, der alleinerziehenden Mutter mit drei Vorschulkindern einfach mal den verwitterten Zaun streichen und die Hecke schneiden – das konnte er sich gut vorstellen. Ohne Termindruck und ohne Erwartung einer Kosten-Nutzen-Rechnung Hilfsbedürftigen Gutes tun. Gute handwerkliche Arbeit verbunden mit einem offenen Ohr für die Ängste und Sorgen der Menschen, das war genau das, was Peter S. immer gesucht hat. Ein dankbarer Händedruck bedeutet ihm mehr als eine emotionslos gewährte Abfindung. Abfindungen kriegen nämlich immer die, die sich damit abfinden müssen, dass keiner sie sucht und keiner sie findet. Abfindung – ein tragisches Wort.

Peter S. ist seit einem halben Jahr bei GratisHilfe. Er hat bisher keinen Tag bereut, an dem er sich in dieser Initiative engagiert. „Ich empfange mehr, als ich gebe. Manchmal lege ich den Hammer aus der Hand und höre den Leuten zu, für die ich gerade den Terrassenboden höher lege, damit der Hausbesitzer barrierefrei mit seinem Rollstuhl in die Wohnung kommt.“

Peter S. erlebt so etwas wie eine Berufung. Sein Leben hat wieder Sinn und Ziel. Er ist freischaffender Helfer und erfährt nebenbei ganz viel über das Leben.

Das war die schönste Urlaubswoche meines Lebens

„Nachts hat mich der Gedanke umgetrieben, was ich tun könnte, wenn ich eine Woche Urlaub habe, und so kam ich auf die Idee, Menschen etwas Gutes zu tun, ohne dafür Geld zu verlangen, einfach so. Anderen eine Freude machen. Ich habe eine Anzeige in unsere Tageszeitung gestellt und innerhalb von wenigen Tagen hatten sich 15 Menschen gemeldet, weil sie irgendetwas nicht mehr tun können, weil sie krank wurden oder ein lieber Mensch ihnen gestorben ist. Das war eine außergewöhnliche Woche. Das war die schönste Urlaubswoche meines Lebens.“

Frieder Trommer Vorstandsvorsitzender Stiftung Marburger Medien